Brasiliens Nordosten

Teil 2

Alagoas



Di 25.10
Sao José da Coroa Grande - Barra de Camaragibe

Gleich nach dem Frühstück geht es über den Rio Perisinunga hinüber nach Alagoas. Alagoas ist Brasilien wie aus dem Bilderbuch: wunderschöne Strände, viele einfache Siedlungen mit Lehmhütten inmitten von Kokospalmenwäldern und glasklares Wasser mit vorgelagerten Riffen als Wellenbrecher. Weil der Wellengang fehlt, ist das Radeln im Sand oft mühseliger, da man es hier häufig mit trockenem, grobkörnigem Sand zu tun hat. Zum Glück verläuft die relativ ruhige Nebenstrecke AL101 (nicht zu verwechseln mit lastwagenverseuchten BR101) auf weiten Strecken in unmittelbarer Strandnähe. Wenn es am Strand zu mühsam wird, kann ich immer wieder für ein paar hundert Meter auf die Straße ausweichen.

Das kleine Fischerdörfchen Barra de Camaragibe ist mein Etappenziel für heute. Ich kann zwischen zwei namenlosen Pousadas direkt am Strand wählen, setze mich später zum Abendessen an die Strandbar und schaue den Fischern bei der Arbeit zu.

Mi 26.10
Barra de Camaragibe - Maceio

Noch vor Sonnenaufgang mache ich einen Spaziergang am Strand. Es ist gerade Ebbe, sodass man auf den riesigen Sandbänken kilometerweit ins Meer hinauslaufen kann.

Um 5:00 Uhr habe ich eine Verabredung mit dem Fährmann. Mein schlechtes Gewissen, ihn zu so früher Stunde aus dem Bett genötigt zu haben, erweist sich als unbegründet: Ich bin nicht der einzige Fahrgast. Das kleine Holzfloß ist randvoll mit Fischern auf dem Weg zu ihren Fischgründen am anderen Ufer des Rio Camaragibe.

Nach einem kurzen Marsch durch eine Kokosplantage erreicht man den Praia do Morro – einen Strand, der im Urlaubsprospekt nicht schöner sein könnte. Ein paar weitere Fischergrüppchen sind hier schon am Werkeln. Lustige Fußabdrücke machen die, wenn sie gemeinsam ihre schweren Netze einholen.

Am Ende des Strandes wird es etwas komplizierter. Ich muss das Rad etliche hundert Meter über glitschige Klippen und Riffe wuchten. Hier kommt man nur bei Ebbe durch; zum Glück wurde ich gestern an der Strandbar von den Fischern vorgewarnt Doch danach geht es wieder gut weiter, entlang der irrwitzig bunten Klippen des „Praia do Carro Quebrado“, also des „Strandes des kaputten Autos“. Zum Glück bin ich mit dem Fahrrad unterwegs, da kann ja nichts schiefgehen. Ich komme gut voran, nur ab und an muss ich kleine Flüsse durchwaten.

In Santo Antônio wird gerade eine Brücke gebaut. Ich nutze die altersschwache Fähre, deren Wartung man wohl in Erwartung des Neubaus bereits weitgehend eingestellt hat.

Am Ende des Ortes würde ich gerne wieder zurück an den Strand, aber irgendwie ergibt sich lange keine Gelegenheit. Alle Zufahrten sind „Particular“ und abgeriegelt. Erst nach gut 20 Kilometern, in Pratagy, komme ich wieder ans Meer – über den gerade offen stehenden „Lieferanteneingang“ eines erlesenen Clubs.

Trostlose Fertighaussiedlungen kündigen Maceió an, die Hauptstadt des Bundesstaates Alagoas. Zerfetzte Plastiktüten kleben an Zäunen, Bürgersteigen und Häuserwinkeln – die Gärten der Moderne. In Maceió sitzen alle am Strand statt im Büro, lästern böse Zungen. Es ist mittlerweile später Nachmittag, und so suche ich mir eine nette Pousada und tue es den Einheimischen gleich.



Do, 27.10
Maceio - Lagoa Azeda

Bis zur Brücke über den Rio gibt es einen schönen Radweg. Durch die darauffolgenden Vororte muss ich leider auf der Straße bleiben. Erst am Praia do Francês finde ich wieder zurück ans Meer. Die nächsten 10 Kilometer bis Barra de São Miguel kann ich wieder am Strand fahren, wobei ich wegen der einsetzenden Flut die letzten Kilometer schieben muss. Dort angekommen, flüchte ich mich gleich unter einen Sonnenschirm. Schön hier, mit seinen natürlichen Poollandschaften, den „Piscinas naturales“.

Die ausgedehnte Mittagspause kam genau richtig. Da meine Verhandlungen mit den ortsansässigen Bootsführern wegen deren wahnwitziger Preisvorstellungen gescheitert sind, fahre ich über die Straßenbrücke über den Rio São Miguel. Auf der anderen Seite geht es dann leider durch Zuckerrohrplantagen steil bergauf. Als kleine Belohnung gibt es oben einen kostenlosen Aussichtsturm. Bei einer Getränkeverkäuferin kann ich eine Dose eiskaltes Bier erwerben – genau das, was noch gefehlt hat, um den herrlichen Rundblick auf die umliegenden Kokosplantagen, die Strände und das Mündungsgebiet des Rio São Miguel zu genießen.

Wieder sind alle Zugänge zurück zum Strand eingezäunt. Zu allem Überfluss versagt jetzt auch noch die hintere Schaltung – und das bei all den Hügeln hier! Erst nach dem zweiten Reparaturversuch im Zuckerrohrfeld habe ich zumindest etwas Erfolg. „Halbmanuell“ geht’s jetzt wieder.

Erst bei Lagoa Azeda, einem netten kleinen Fischerdörfchen, finde ich Getränke und einen Strandzugang. Es ist schon wieder später Nachmittag, als ich dort ankomme. Leider gibt es hier keine Pousada. Was jetzt? Weiter ins nächste Dorf? Ich trinke gemütlich aus und fahre kurz vor Einbruch der Dämmerung weiter. Es folgt ein langer, einsamer Strand entlang einer steilen Klippe. Das Wasser ist jetzt schon wieder am Sinken; bei Flut wäre ich hier ohnehin nicht weit gekommen, insofern ist mein unfreiwilliger Ausflug ins Hinterland zu verschmerzen.

Nach wenigen Minuten Fahrt komme ich an einer klienen Flussmündung mit einem kleinen Kokoswäldchen vorbei. Genau das Richtige für meine Hängematte.

Ich spanne die Matte zwischen zwei etwas enger stehenden Palmen auf, dann sammle ich in der anbrechenden Dunkelheit noch ein paar Kokosnüsse zusammen, um meinen knappen Trinkwasservorrat zu strecken.

Nachts kommt ein strammer Wind auf, und es wird recht frisch in der Hängematte.



Fr, 28.10
Lagoa Azeda - Piaçabuçu

Die erste Nacht in einer Hängematte war relativ unruhig. Das lag aber nicht an der Hängematte – die war wirklich bequem. Vielmehr war das Meer ohrenbetäubend laut und der Wind rüttelte unaufhörlich mit voller Wucht an mir. Als ich denke, es müsste doch bald wieder hell werden, ist es erst halb elf! Um halb fünf dämmert es endlich, ich packe zusammen und um Punkt fünf geht’s bei Sonnenaufgang los. Ich habe leichten Rückenwind, der Sand ist fest (Ebbe) und es saust nur so entlang der steilen, roten Klippen dahin. Wenn da nur nicht das elende Geknacke am Vorderrad wäre. Das Kugellager scheint schlappzumachen.

Ich komme gut voran, die meisten Flüsschen kann ich durchwaten, nur am Rio Coruripe könnte ich ein Boot gebrauchen. Es liegt auch eine Jangada vor Anker, der zugehörige Fischer oder Fährmann ist aber nirgends zu sehen. Endlich finde ich jemanden, aber der weiß auch nicht, wo der Fährmann abgeblieben ist. Ich solle halt einfach selbst übersetzen… Okaaaay…

Drüben angekommen binde ich das Floß extra fest an, schiebe um die Landzunge herum und treffe dort tatsächlich den Bootsbesitzer beim Fischen. Jaja, passt schon, meint er nur.

Ich nähere mich langsam der Mündung des Rio São Francisco. Das zuvor glasklare Wasser ist einer braunen, aufgewühlten Brühe gewichen. Es gibt hier kaum noch vorgelagerte Riffe, die den Strand vor der hereinbrechenden Brandung abschirmen.

Pontal do Peba mit seinem breiten, flachen Sandstrand ist der letzte Küstenort in Alagoas. Der Strand ist so breit und so fest, dass sogar die Stadtbusse hier entlangfahren. Einen Fahrradladen finde ich hier auch und würde gerne mein Vorderradlager in Augenschein nehmen lassen. Aber der Laden hat weder Fett noch Öl noch sonstige Ersatzteile, und der Mechaniker hat auch gerade seinen freien Tag. So ziehe ich unverrichteter Dinge wieder ab.

Bis zur Mündung des „Chico Velho“ sind es nun noch etliche Kilometer entlang riesiger, mutmaßlich unüberquerbarer Sanddünen. Daher wollte ich hier eigentlich auf die Straße ausweichen, die hinter den Dünen zur Fähre nach Piaçabuçu führt. Aber ein junger, einheimischer Radfahrer erzählt mir von einem „Korridor“, der durch die Dünen nach Bonito, einem kleinen Weiler an besagter Straße führen soll. Also fahre ich seiner Wegbeschreibung folgend noch etliche Kilometer am Strand weiter, aber rechts von mir türmen sich nur riesige, glühend heiße Sanddünen auf. Von einem „Korridor“ ist nirgends etwas zu entdecken. Also wieder gegen den Wind zurück nach Pontal do Peba und hoch auf die AL101.

In der Abenddämmerung erreiche ich den Fährhafen und genieße in der Hafenkneipe den Sonnenuntergang über dem São Francisco. Vor der Kneipe baden die Kinder im Fluss, da lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, zwischen zwei Bier auch mal reinzuspringen.





Und hier noch ein paar Bilder zu Teil 2 (Alagoas):


(--> weiter mit Teil 3)






Nach Porto de Pedras über den Rio Manguaba



Am Strand



Verkehrshindernisse



Jangadas in einem typischen Fischerdorf



Gemütlicher Nachmittag in Barra do Camaragibe



Fischer bei der Arbeit



Hier kommt man nur bei Ebbe und zu Fuß durch



Bunte Steilküste am "Praia do Carro Quebrado"



Fluss aus den Mangroven



Abkühlung in einem der zahlreichen Flüsse



Aussicht auf den Rio São Miguel und die Ponta do Gunga



Durch die Zuckerrohrfelder



Wie kommt man zurück zum Strand?



Abendstimmung bei Lagoa Azeda



Nachtlager unter Palmen



Morgendämmerung in Alagoas



Klein aber Oho. Die Strömung solcher Flüsschen ist nicht zu unterschätzen.



Fischerboot



Endloser Palmenstrand



Alternative Transportmittel



Pontal do Peba, der letzte Küsterort in Alagoas



Kurz vor der Mündung des Rio São Francisco



Flussleben am Rio São Francisco



Sonnenuntergang über den "Velho Chico"



--> weiter mit Teil 3: Sergipe




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